Aktuelles

Neueste Nachrichten und interessante Artikel

Auf unserer News-Seite erfahren Sie stets Neuigkeiten zu und über crossXculture, aber auch Wissenswertes aus aller Welt.

Die Deutschen hamstern Klopapier

29.10.2020

Die Deutschen hamstern Klopapier

Wie unsere Medienlandschaft zur Verbreitung von Mythen beiträgt, anstatt sich um die Aufklärung dieser verdient zu machen.

Bereits vor dem ersten von Bund und Ländern verhängten Lockdown zur Eindämmung der Verbreitung des neuen Corona-Virus, am 22. März 2020, ließ sich beobachten, dass es in manchen Gegenden Deutschlands zu Engpässen bei Nahrungs- und Haushaltsmitteln kommt. So titelt z.B. am 29. Februar 2020 die Hamburger Morgenpost: “Klopapier, Nudeln und Co. Hamsterkäufe: Diese Produkte werden jetzt knapp” und zeigt ein leeres Aldi-Regal in Reinbek bei Hamburg. Nachrichten dieser Art werden von weiteren Medien aufgegriffen, und in den folgenden Tagen bekommen immer mehr Einkäufer die Verknappung zu spüren.

Doch was ist dran an dem Mythos, dass die Deutschen zu Zeiten Covid-19 zu Hamsterkäufen neigen und sich dabei speziell auf die Produkte Klopapier und Nudeln stürzen? Gerade diese aufklärende Herangehensweise müsste ja ebenfalls im Interesse unserer Medienlandschaft sein. Doch leider ist dies nicht der Fall, denn wichtig für das Überleben des Verlags, zu Zeiten der schnellen elektronischen Verbreitung von Nachrichten, ist in erster Linie die Schlagzeile. Emotionen, wie die Angst vor plötzlicher Veränderung und Wut gegenüber der Rücksichtslosigkeit der Mitmenschen, bauen dabei eine willkommene Brücke zum Kunden. Gemeinsam lässt es sich nun auf die gierigen Hamsterkäufer blicken, die durch ihr Verhalten die Gemeinschaft gefährden.

Dabei fällt zunächst gar nicht auf, dass der Artikel, durch seine Beschreibung der zu erwartenden Verknappung, die Leser erst recht zu Hamsterkäufen animiert. Ja, man könnte Artikel wie diesen als den Startschuss zum großen Hamstern verstehen. Die Schlagzeile und das Foto des leeren Regals führen den Bürgern eine Situation vor Augen, die sie selbst in großen Teilen bis dahin noch nicht erlebt oder bemerkt hatten. Erst die darauf folgende Veränderung des Kaufverhaltens hat dann flächendeckende Lieferengpässe zur Folge. Auf die Ursache des leeren Regals kommt der Artikel nicht zu sprechen.

Zum Start eines neuen Kundenprojekts hatte crossXculture einen Experten für Supply Chain Management zu einem Vortrag eingeladen. Vor einer kleinen Auswahl unserer versammelten Lehrkräfte wurde darin über Versorgungsketten gesprochen und die Schwierigkeiten erläutert, diese bei schwankender Nachfrage reibungslos aufrecht zu halten. Darin haben wir erfahren, dass es heute eine direkte Verbindung zwischen der Nachfrage am Supermarktregal und dem Beschaffungsort der Rohstoffe gibt. In gewisser Weise kann man dies wie eine Röhre betrachten, an deren einem Ende der Kunde steht und am anderen Ende der nötige Rohstoff. Dazwischen, ebenfalls an der Röhre angeschlossen, liegen mehrere Schritte der Verarbeitung. Dank moderner Elektronik kann man von einem zum anderen Ende hindurchsehen.

Wenn man das Verbrauchsmittel Klopapier betrachtet, so fällt zunächst auf, dass es in verschiedenen Größen für verschiedene Zwecke produziert wird. So sind im gewerblichen Bereich eher große Mengen davon nötig, die wiederum auf große Rollen gewickelt sind, um die Häufigkeit des Nachfüllens zu verringern, z.B. an Raststätten, Schulen, in Schwimmbädern, großen Firmen etc. Für den privaten Bereich gibt es die kleineren Rollen in haushaltsüblichen Verpackungen. Während im gewerblichen Sektor häufig das Klopapier auf Europaletten mit dem LKW angeliefert wird, muss der private Einkäufer bei seiner Auswahl den Aspekt des Heimtransports zu Fuß, mit dem Fahrrad oder privaten PKW berücksichtigen.

Wenn Firmen nun ihre Mitarbeiter auffordern, dem Arbeitsplatz fern zu bleiben, Kundenbesuche abzusagen und im Land auch insgesamt weniger gereist wird, wenn Schulen und Kindergärten geschlossen werden, dann verlagert sich die Nachfrage nach Klopapier von der gewerblichen Versorgungskette auf die Versorgungskette für die Privathaushalte. Wenn man das zuvor genannte Röhrenbeispiel nun auf diese beiden getrennten Versorgungsketten anwendet, bedeutet dies, dass die Hersteller von gewerblich genutztem Klopapier in eine Röhre schauen, an der am anderen Ende kaum noch Kunden sichtbar sind. Das bedeutet, dieser Absatzmarkt bricht ein und die Produktion wird heruntergefahren.

An der Röhre für Privatkunden versammeln sich nun ganz viele Interessenten, doch am anderen Ende stehen immer noch dieselben Kapazitäten zur Verfügung wie zuvor. Hersteller können sich nun überlegen, ob sich eine Erweiterung der Produktion für den kurzen Zeitraum in dem der Mehrbedarf besteht für sie lohnt. Klopapier ist schließlich kein Saisonprodukt. Bei Nudeln verhält sich das ganz ähnlich. Die Großküche in Firmen und Schulen und die Restaurants des Landes nutzen eine andere Handelskette als die Privatverbraucher. Dadurch entsteht auch hier der Mangel im privaten Bereich, wenn die Kunden der gewerblichen Versorger wegfallen. Bestätigt wird diese These auch durch die Erfahrung, dass der Großhandel die vermeintliche Mangelware in Großpackungen noch verfügbar hatte.

Eigentlich handelt es sich um ein ganz einfaches Prinzip, nur leider ist die Beantwortung dieser Frage nicht so medienwirksam wie die Feststellung der Morgenpost, dass nur ‘Hamsterkäufe’, also der Egoismus des Einzelnen, der Grund für die Knappheit sein kann. Soweit ich mich erinnere, folgten dann Bilder von älteren Damen, die zwei Packungen Klopapier in ihrem Einkaufswagen durch die Gegend fuhren. Vermutlich hatten sie den Fehler gemacht, die Zeitung zu lesen.

cXc | crossXculture

Good news for you.