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Bist Du ein Pfirsich oder eine Kokosnuss?

01.06.2022

Bist Du ein Pfirsich oder eine Kokosnuss?

Neue Perspektiven ergeben sich häufig erst, wenn wir unsere persönliche Komfortzone, den uns vertrauten Weg, verlassen und uns aufmachen, dem Unbekannten zu begegnen. - Aber warum in aller Welt sollten wir das tun?

Nun, in manchen Fällen werden wir dazu gedrängt, auch wenn wir es selbst nicht wollen. So erging es z.B. mir, als meine Familie beschloss, aus den USA nach Deutschland zu ziehen, als ich gerade 18 Jahre alt war. Meine Freunde, meine erste Freundin, mein Führerschein, mein Verständnis davon, wie man unter Gleichaltrigen akzeptiert wird, all die Dinge, die ich für normal gehalten hatte, wurden mir gewissermaßen unter den Füßen weggezogen und mussten neu erlernt und aufgebaut werden.

Als ich nach Deutschland kam, hatte ich zunächst den Eindruck, dass viele Deutsche unhöflich, kühl und unsensibel seien. Wenn ich durch die Straßen ging, mich umsah und lächelte, wurde ich mit abwesenden und unbeteiligten Blicken begrüßt, die signalisierten: "Lass mich in Ruhe. Ich bin beschäftigt.” Die ersten Freunde, die ich in Deutschland fand, waren freundlich, aber auch sie behielten ihre persönlichen Gefühle größtenteils für sich. Im Gegensatz zu ihnen schien ich mein Herz auf der Zunge zu tragen und die meisten meiner persönlichen Überzeugungen nur allzu bereitwillig zu teilen.

Das mag ein Stück weit zur normalen Erfahrung eines Teenagers gehören, aber ich entdeckte auch, dass die deutsche Kultur meine Freunde eher zu Kokosnüssen gemacht hatte, während meine eigene Erziehung mich eher einen Pfirsich werden ließ. Aber wie kam es dazu? - Nun, das hatte wohl mit der unterschiedlichen Geschichte der beiden Länder zu tun. Während die deutsche Bevölkerung meist seit mehreren Generationen an einem Ort verwurzelt war, sahen sich die Amerikaner gezwungen umherzuziehen, vor allem zur Zeit der Besiedlung des Landes, aber auch danach. In Deutschland konnten Freundschaften daher oft ein Leben lang bestehen, und es gab nur wenig Notwendigkeit, Neuankömmlinge in den engen Kreis aufzunehmen.

Die Amerikaner auf der anderen Seite des Ozeans hingegen hatten sich eine Kultur aufgebaut, die es ihnen ermöglichte, völlig fremde Menschen für einen bestimmten Zweck zusammenzubringen. Während der frühen Besiedlung Amerikas gab es viele Häuser zu bauen, aber die Werkzeuge und Handwerker waren knapp, und die Menschen hatten nicht den Luxus, über Generationen hinweg zu warten, um Freunde zu werden. Um dieses tiefe Vertrauen schneller zu erreichen, mussten persönliche Erfahrungen ausgetauscht werden, als ob man sich schon seit Jahren kennen würde.

In unserem kurzen Video-Clip, der ‘crossXculture Perspectives—Episode 2’ entstammt, gehen Landon und ich auf diesen Unterschied zwischen den beiden im Grundsatz germanischen Kulturen ein. Wir sprechen über Pfirsiche, die außen weich und innen hart sind, und Kokosnüsse, die außen hart und innen weich sind, um den Unterschied zwischen diesen beiden Kulturen zu verdeutlichen. Das ist wichtig, denn der Austausch zwischen Amerikanern und Deutschen führt nur allzu oft zu Frustration auf beiden Seiten. Das ist schade, denn unsere Werte sind ähnlicher als wir denken mögen.

Während Deutsche die Amerikaner oft für oberflächlich und unaufrichtig halten, weil "sie nicht die guten Freunde sind, die sie zu sein vorgeben", fällt es den Amerikanern im Gegenzug schwer, mit der Kälte und Kontaktlosigkeit der Deutschen umzugehen. Wie ich während der Migration selbst erfahren habe, kann es ziemlich hart werden, ein Pfirsich zwischen den Kokosnüssen zu sein. Und falls ich mich bei dieser Anpassung irgendwie doch selbst verhärtet haben sollte, bitte ich aufrichtig um Entschuldigung.

Karsten Hein

Der Link zum Video